Conrad Ferdinand Meyer Stiftung
errichtet 1937

: : : : : :   2021 Simone Keller

Michael Eidenbenz

Laudatio zur Verleihung des Conrad Ferdinand Meyer Preises 2021 an die Pianistin Simone Keller

›Pianistin‹ steht auf Simone Kellers Website als Berufsbezeichnung. Das ist zunächst mal gewiss korrekt, aber nicht sehr spezifisch. Pianistin, Pianist ist, wer beruflich Klavier spielt. Ob das nachts in der Piano Bar geschieht, beim einsamen Interpretieren des klassischen Standardrepertoires auf dem Konzertpodium oder in irgendeinem Ensemble-Kontext, ob in Jazz, klassischer oder zeitgenössischer Musik usw., ist noch nicht weiter bezeichnet. Doch wer schubladisieren und etikettieren möchte, wäre bei Simone Kellers künstlerischer Tätigkeit ohnehin falsch.

Erstmals wahrgenommen habe ich Simone Keller noch im Umfeld der damaligen Hochschule Musik und Theater Zürich. Ihr Konzertdiplom hatte sie zwar schon abgelegt, aber ihr Name tauchte immer mal wieder auf den Programmzetteln verschiedenster Hochschulprojekte auf. Wo eine in vielen Stilen gewiefte Pianistin gefragt war – und diese sind weniger zahlreich als man vermuten würde – spielte Simone Keller mit, oft in Ensembles mit komplexer zeitgenössischer Musik, was in der traditionellen Klavierwelt nicht nur als dankbare Aufgabe betrachtet wird. Ihr Können war gefragt, und sie war bereit, es zur Verfügung zu stellen, wo es gebraucht wurde.

Rückblickend kann vielleicht in einer solchen Haltung des Zupackens, der Bereitschaft, der Neugier und des persönlichen Engagements die Basis für ihre seither sich in unerhört vielfältige Richtungen entfaltende künstlerische Tätigkeit erkannt werden.

Nicht überraschend nimmt darin die Mitwirkung in Ensembles und Orchestern einen wichtigen Platz ein. Darunter finden sich etliche der renommierten, auf Zeitgenössisches spezialisierten Kollektivformationen wie das Collegium Novum Zürich, das Ensemble Contrechamps in Genf oder das Hong Kong New Music Ensemble – aber eben auch traditionelle Sinfonieorchester wie das Musikkollegium Winterthur oder die Südwestdeutsche Philharmonie.

Aus der Bereitschaft zur Mitwirkung in bestehenden Formationen wuchs die tatkräftige Eigeninitiative: Das auf zeitgenössische Musik und deren Vermittlung ausgerichtete Ensemble TZARA entstand noch im Nachgang des Hochschulstudiums, das spektakuläre Kukuruz Quartett, das präparierten Klavieren achthändig die unglaublichsten Klänge entlockt, ist die Frucht einer musiktheatralischen Zusammenarbeit mit Ruedi Häusermann, und im Trio Retro Disco bedient Simone Keller Synthesizers in Kombination mit Horn und Cello.

All diesen Ensembles ist gemeinsam, dass sie das herkömmliche konzertante Format verlassen und szenische Aspekte, multidisziplinäre Visionen, bisweilen auch pädagogisch-vermittelnde Initiativen als genuin für die künstlerische Wirksamkeit erkennen. Musiktheatralische Elemente sind in Simone Kellers Arbeit darum essentiell, sei es in Produktionen grosser Häuser wie des Theaters Basel oder des Schauspielhauses Zürich – sei es in Resultaten der gemeinsam mit dem Regisseur Philip Bartels gegründeten Firma ox&öl, die nicht nur für kleinere und grössere Festivals, Clubs und Kleintheaterbühnen arbeitet, sondern sich auch als soziokulturelles Engagement etwa in Projekten mit jugendlichen Straftätern oder geflüchteten Menschen versteht.

Solch engagierte künstlerische Kontextualisierung kann freilich nur gelingen, wenn dahinter die persönliche ästhetische Überzeugung und autorschaftliches Verantwortungsbewusstsein stehen. Wenn Simone Keller etwa gezielt Werke von Komponistinnen aufführt und einspielt, so vertritt sie damit einerseits eine dezidiert feministische Perspektive innerhalb des von weissen Männern dominierten klassischen Konzertbetriebs, andererseits betont sie im Interview, dass sie diese Musik – neben arrivierten Grössen wie Galina Ustwolskaja oder Sofia Gubaidulina gehören auch nahezu vergessene Künstlerinnen wie Ruth Crawford Seeger oder Julia Amanda Perry dazu – auch ganz einfach spiele, weil sie sie gut findet.

Kontext, Engagement, Neugier und Können basieren auf einer grundsätzlich explorativen künstlerischen Haltung, die schliesslich auch ihre institutionelle akademische Einbindung fand, etwa in Forschungsaktivitäten am Center for Computer Research in Music and Acoustics an der Stanford University, an der Columbia University oder der Cité Internationale des Arts in Paris.

Und das Klavier? Dieser mechanische Korpus mit seinen 88 Tasten? Einst in der Kindheit wohl aus subjektiver Neigung als das präferierte Medium musikalischen Lernens gewählt, wurde es zum ›Instrument‹ im doppelten Wortsinn: zum Klangkörper für die interpretierende Beschäftigung mit bestehender Musik (seit je und bis heute auch des traditionellen klassischen Repertoires) – und zum Werkzeug und Transportmittel, das, exzellent beherrscht, die Reise in unentdeckte Gegenden erlaubt; das als Beitrag und Mithilfe kollektive kollegiale Initiativen ermöglicht; das persönlichen ästhetischen Visionen ihre Klanggestalt gibt; und das schliesslich jenes magische Potential freisetzt, das die praktisch ausgeübte Kunst als Mitgestaltung der Welt produktiv werden lässt.

›Pianistin‹ ist die Berufsbezeichnung. Sie kann vieles bedeuten, und sie wurde in Simone Kellers Laufbahn tatsächlich vieles. Wie jene der meisten ihrer Kolleginnen und Kollegen musste auch ihre Stimme im Zuge der Corona-Krise auf den Live-Bühnen verstummen. Der Preis der Conrad Ferdinand Meyer Stiftung möge darum nicht nur als Würdigung bisherigen Schaffens verstanden werden, sondern auch als Ansporn zum Durchhalten in der Erwartung von Zeiten, in denen ihre Stimme und jene all ihrer Kolleginnen und Kollegen vielleicht mehr gefragt sein werden denn je. Ich danke der Conrad Ferdinand Meyer Stiftung für ihre Grosszügigkeit, gratuliere Simone Keller zum Preis und wünsche ihr in ihrem Tun von Herzen weiterhin tatkräftige Energie, Freude und Erfolg.

Zürich, 4. Februar 2021