Conrad Ferdinand Meyer Stiftung
errichtet 1937

: : : : : :   2022 Anna Stern

Christine Lötscher

Laudatio zur Verleihung des Conrad-Ferdinand-Meyer Preises 2022 an die Autorin Anna Stern

›das alles hier, jetzt.‹ – absolute Gegenwart: Der Titel ist Programm. Der Tod ist noch ganz frisch in diesem Text, Anankes Tod – für ihre Freund:innen fühlt er sich an wie eine offene, pulsierende Wunde, die allen Schmerz, auch den alten, alle Erinnerungen und Schuldgefühle in den gegenwärtigen Moment holt. Wie radikal dieses Hier und Jetzt künstlerisch gestaltet ist, wird erst deutlich, wenn die Leser:in die Seiten umblättert und da, wo der Roman beginnt, zwei beinahe leere Seiten vor sich hat. Oben links steht ein einziger Satz:

›ananke stirbt an einem montag im winter, nachmittags zwischen sechzehn und siebzehn uhr.‹

Begleitet, kommentiert, gespiegelt von einem einzigen Satz auf der rechten Seite:

›wir schenken uns nichts. das einzige, was wir uns geben, sind unsere namen: ananke gibt mir den namen ichor.‹

Der Satz rechts ist in Schwarz gedruckt, der linke Satz in Grau. Plötzlich springen materielle Dimensionen des Buches ins Auge: die weisse Doppelseite gibt der Leere, der Sprachlosigkeit einen Raum. Und die Knickkante, die bei der Lektüre in der Regel ganz in ihrer Funktion aufgeht, nämlich das Umblättern zu ermöglichen, wird hier zur Achse, an der sich die schwarze und die graue Schrift spiegeln. An der sich die Gegenwart in der Vergangenheit spiegelt und umgekehrt – während der schwarze Text der Gegenwart protokollierend Sprache abzuringen sucht, greift der graue Text assoziativ und anekdotisch aus in die Vergangenheit. Er collagiert Erinnerungsfetzen, die bis weit in die gemeinsame Kindheit von Ichor und Ananke zurückreichen, beschwört sinnlich und atmosphärisch Kindheit auf dem Land herauf:

›zwei verwandte, folgenreiche gerüche sind: verbranntes fleisch und offenes feuer. sowie du feuer riechst, sitzt du auf dem graswall in eurem garten, gebaut aus den grassoden, an deren stelle nun eggs sandkasten steht. in eurer mitte brennt ein feuer, und ihr haltet würste und schlangenbrot in die flammen, und in der glut liegen kartoffeln in alufolie, die ihren glanz längst eingebüsst hat, matt und schwarz der ruß. das gras steht hoch, vom gemüsegarten her riecht es nach fenchel und dem rot der tomaten, und von dahinter wehen stimmen in fetzen zu euch: du hörst swann und roan und mar, das klacken von pétanque-kugeln im schattigen kies, dazwischen die rufe, von avi, von bas, von thaïs und rho.‹

Auch sie, Ichor und Ananke, spiegeln sich ineinander; die beiden, wie wir im Lauf der Lektüre erfahren, sind eng verbunden, symbiotisch beinahe, und einander doch fremd. Ichor gehört die Erzählstimme, Ananke ist abwesend und wird dadurch umso mehr zum Echoraum. Es geht aber nicht nur um diese zwei; vielmehr sind sie Teil einer Gruppe von Freund:innen, die alle zusammen aufgewachsen sind. Wie Ichor und Ananke tragen sie mythische oder mythopoetische Namen.

So geht es weiter, mit dem schwarzen Text links, der rechts grau umspielt wird, und allmählich füllen sich die leeren Seiten, die Knickkanten werden im Kopf der Leser:innen wirksam – denn aus den Fragmenten wird beim Lesen und Handhaben des Buches eine fiktionale Welt. Erst im letzten Kapitel, das ›exakt hundertfünfzig tage‹ danach angesetzt ist, wechselt der Ton vom zart-poetisch Suchenden zum vielstimmigen Sound einer Road Novel: plötzlich herrscht Aufbruchstimmung, und die Freund:innen fahren zusammen los.

Selbstverständlich ist nichts in diesem Roman. Das macht der Tod, der zu Beginn als unhintergehbarer Fluchtpunkt gesetzt wird, das macht aber auch die radikale Abstinenz in Hinblick auf Konventionen literarischer, materieller, sprachlicher Art. Das Buch – und hier muss wirklich vom Buch als dreidimensionalem Medium die Rede sein, nicht vom Text allein – das Buch also verfolgt nach allen Regeln der Kunst und mit grosser Konsequenz das Projekt, all das, was im Alltag gedankenlos hingenommen wird und unsichtbar bleibt, ins Licht der Aufmerksamkeit zu rücken. Dazu gehört die Materialität des Buches mit seinem Schwarz auf Weiss ebenso wie die Praxis des Umblätterns; alles ist hier mit Bedeutung aufgeladen. Dazu gehört aber auch die konsequente Kleinschreibung und dass den Figuren kein Geschlecht zugeschrieben wird. Anna Stern verzichtet ganz auf Personal- und Possessivpronomen – was ihr deshalb elegant gelingt, weil sie die Erzählstimme in der zweiten Person sprechen lässt – ›du gehst in den winter hinaus‹, ›du setzt dich auf die bank‹. Und auch wenn man von den Namen ihrer Figuren, wenn man denn wollte, da und dort eine weibliche oder männliche Tendenz ablesen könnte, spielt das keine Rolle. Denn auch in der Art, wie die Figuren denken und sprechen und handeln, bewegen sie sich ausserhalb von Geschlechterstereotypen, überhaupt ausserhalb von (hetero)normativen Beziehungsgefügen. Das zeigt sich in Ichors Erkenntnis, die sich im Prozess des Trauerns einstellt:

›familie ist nicht blut; ist nicht gene. familie ist erinnerungen; ist tränen, die sich auf müden wangen mischen; familie ist, was du daraus machst. was du familie sein lässt.‹

Anna Stern erschafft für ihre Figuren und ihre Sätze ein Umfeld, das ihnen erlaubt, in alle Richtungen ihre Fühler auszustrecken. Der literarische Raum wird dreidimensional – und das nicht nur, weil die Autorin alle drei Dimensionen des Buches, also Text, Seite und Buchkörper, mitspielen lässt. Indem die Figuren von ihrer Geschlechtsidentität und allem, was im Sozialen daraus folgt, befreit werden, kann eine neue Intimität zwischen ihnen und den anderen, aber auch zwischen ihnen und den Dingen, den Landschaften, Erinnerungen und Gefühlen entstehen. Es handelt sich, wie man mit der feministischen Philosophin Sara Ahmed sagen könnte, um eine queere Orientierung (vgl. Sara Ahmed, ›Queer Phenomenology‹, Durham 2006), die aus der Desorientierung im normierten Raum entstehen kann.

Man kann ›das alles hier, jetzt.‹ als Roman über einen Trauerprozess und über die Spannung zwischen der Gewalt der Gegenwart, die der Schmerz mit sich bringt, und deren Transzendieren durch poetische Suchbewegungen lesen. Man kann das Buch aber auch als Bewegung in eine neue Freiheit hinein verstehen. Alles, was festgeschrieben war, löst sich auf, beginnt zu fliessen, und so entstehen neue Möglichkeiten, die darauf warten, weiter erprobt zu werden – in der Literatur und im Leben.

Mit Anna Stern zeichnet die Conrad Ferdinand Meyer Stiftung 2022 eine junge, ungemein produktive und innovative Autorin aus, auf deren neue Texte und Ideen man gespannt sein darf.

Zürich, 2. Februar 2022