Conrad Ferdinand Meyer Stiftung
errichtet 1937

: : : : : :   2021 Sebastian Meixner

Frauke Berndt

Laudatio zur Verleihung des Conrad Ferdinand Meyer Preises 2021 an den Literaturwissenschaftler Sebastian Meixner

Als sich Sebastian Meixner am Montag, den 1. Februar 2016, nach seinem ersten Arbeitstag am Deutschen Seminar der Universität Zürich mit einigen Kolleg*innen und mir zum ebenfalls ersten Apéro im Niederdorf traf, war für ihn die Welt in Ordnung. Selbst der Wein war gar nicht teurer als in Deutschland, den USA und Italien, seinen bisherigen Ausbildungs- und Karrierestationen, versicherte er mir freudig; dass es sich nur um ein Dezi handelte, trübte seine Laune keineswegs. Nachdem er 2018 auch noch ein Sprachdiplom in Züritüütsch abgelegt hat, wo er übrigens in Mundart ein Referat über Jeremias Gotthelfs Helvetismen gehalten hat, weiss er mit Gewissheit, in Zürich am richtigen Ort zu sein. Der urbane Intellektuelle, der heute im hippen Kreis 3 lebt, hat einst sein Abitur an einem bayerischen Musikgymnasium absolviert, ist ein virtuoser Pianist und liebt Zürich wegen seines atemberaubenden kulturellen Angebots. Selbst singt er in ausgezeichneten Chören des Kantons Zürich, derzeit z.B. im Jungen Chor Zürich, den Zürcher Vokalisten und den Zürcher Männerstimmen. Nicht zuletzt auch dem Sportler hat Zürich viel zu bieten: den See zum Segeln und die nahen Berge zum Wandern und Skifahren.

Dass die Conrad Ferdinand Meyer Stiftung heute Sebastian Meixner mit dem Preis in der Kategorie ›Wissenschaft‹ auszeichnet, ist eine grosse Ehre. Sie wird einem jungen Wissenschaftler zuteil, der sich in den vergangenen Jahren durch Talent und Zielstrebigkeit im internationalen Feld der deutschen Literaturwissenschaft durchgesetzt hat. 2019 ist Sebastian Meixner als Mitglied in die Junge Akademie der Wissenschaften und Literatur Mainz aufgenommen worden. Gerade einmal drei Jahre, nachdem er seine von der Studienstiftung des deutschen Volkes geförderte Doktorarbeit mit höchster Auszeichnung (summa cum laude) verteidigte, hat ihn der Schweizerische Nationalfonds 2020 mit dem Forschungsprojekt ›Poetik des Überflusses‹ zur Förderung im Ambizione-Programm ausgewählt. Dabei handelt es sich um das renommierteste Instrument zur Nachwuchsförderung wissenschaftlicher Exzellenz in der Schweiz. Ab September 2021 wird er also in diesem Rahmen für die kommenden vier Jahre seine eigene Forschungsgruppe leiten.

Dabei steht diese Forschung von Anfang an in engem Bezug zum Kanton Zürich – schon lange bevor Sebastian Meixner hier seine Schweizer Wahlheimat gefunden hat. Denn Zürcher Schriftsteller*innen und Wissenschaftler*innen bilden Gegenstände seiner interdisziplinär angelegten und international durchgeführten Forschung. Bereits als Doktorierender war er assoziiertes Mitglied des interdisziplinären Graduiertenkollegs der Deutschen Forschungsgemeinschaft ›Ambiguität – Produktion und Rezeption‹ in Tübingen. Seine Doktorarbeit widmet sich dem Zusammenhang von Erzählen und Erkennen in Goethes frühem Erzählwerk. Es gibt kein Erzählen, so überlegt Sebastian Meixner, das nicht in der einen oder anderen Hinsicht beschränkt ist. Keine Erzählung ist allwissend, sondern jedes Erzählen erfolgt immer durch eine grüne, blaue oder rosa-rote Brille des jeweiligen Interesses. Diese Arbeit, die Literaturwissenschaft mit Wissensgeschichte verbindet, revolutioniert die Erzähltheorie. Vor allem der grosse Einfluss der beiden berühmten Zürcher Georg Christoph Tobler und Johann Caspar Lavater auf Goethes frühe naturwissenschaftliche Schriften und die ›Leiden des jungen Werthers‹ wird hier erstmals breit gewürdigt.

Diesen interdisziplinären Ansatz führt Sebastian Meixner in einem Forschungsprojekt zur Verbindung von Literatur und Psychologie fort, das eine Reihe von Aufsätzen zum Problemkomplex der Ambivalenz in Sprache, Literatur und Kunst präsentiert. Wie kann es sein, fragt er, dass man etwas zugleich positiv und negativ bewertet, gut und böse, schön und hässlich, traurig und lustig? In dem Projekt ist er dem Zürcher Psychiater Eugen Bleuler auf der Spur, der den Begriff der Ambivalenz auf der ›Ordentlichen Winterversammlung des Vereins schweizerischer Irrenärzte‹ in Bern am 26. und 27. November 1910 begründet hat. Diese Spurensuche führt ihn durch Bleulers Veröffentlichungen und Vorträge bis ins Archiv der Psychiatrischen Klinik im Burghölzli, damit die Begriffsgeschichte genau rekonstruiert und für die Literaturwissenschaft fruchtbar gemacht werden kann. Dafür entwickelt Sebastian Meixner ein neues Modell literaturwissenschaftlicher Begriffsgeschichte, das auf einer Geschichte literarischer Formen basiert.

Am internationalen Wirtschaftsstandort Zürich ist nun auch sein Projekt angesiedelt, mit dem er die Habilitation an der Universität Zürich anstrebt. Sebastian Meixner erforscht das Verhältnis zwischen Literatur, Ästhetik und Ökonomie vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Dabei gilt sein Augenmerk dem Überfluss, der als das zentrale Problem der postbürgerlichen Gesellschaft gilt, ökonomische und ökologische Nachhaltigkeit verhindert, soziale Ungleichheit verschärft und ihre Mitglieder in den Burnout treibt. Die postmoderne Überflussgesellschaft produziert und konsumiert schlicht zu viel: zu viele Daten, um sie zu interpretieren, zu viel CO2, um es zu kompensieren, zu viel Geld, um es zu verzinsen, zu viel Kunst, um sie wahrzunehmen und zu viele Bücher, um sie zu lesen. Im Rahmen dieses Projekts setzt sich Sebastian Meixner auch intensiv mit Schweizer Autor*innen auseinander: etwa mit dem Novellenzyklus «Die Leute von Seldwyla‹ von Gottfried Keller, mit Sibylle Bergs Roman ›Sex 2‹ und mit Christian Krachts ›1979. Ein Roman‹.

Sebastian Meixner verkörpert eine Forschung, in der Zürich einen wichtigen Knoten im internationalen Netzwerk bildet, die also gleichermassen bodenständig wie weltoffen ist. Die internationale Vernetzung war von Anfang an sein besonderes Anliegen. So lebte, studierte und forschte er in Florenz, St. Louis und Chicago. Bis auf das Rätoromanische beherrscht er alle Schweizer Landessprachen. Sein Netzwerk umfasst neben Schweizer*innen, Österreicher*innen, Italiener*innen und Deutschen vor allem Nordamerikaner*innen. Dabei wirkt er bereits jetzt schon im öffentlichen Raum von Stadt und Kanton. Kooperiert hat Sebastian Meixner bereits mit dem Opernhaus Zürich. Vor allem aber hat er 2018 im Rahmen der Zürcher Poetikvorlesung den bosnisch-deutschen Bestseller-Autor Saša Stanišić eingeladen, dessen gefeiertes Buch ›Herkunft‹ (2019) ein Follow-up dieser Veranstaltung ist. Mit dem Conrad Ferdinand Meyer Preis zeichnet die Stiftung 2021 daher nicht nur eine Ausnahmepersönlichkeit aus, sondern setzt auch ein wichtiges Zeichen für den internationalen Forschungsstandort der Zürcher Geisteswissenschaften.

Zürich, 4. Februar 2021