Conrad Ferdinand Meyer Stiftung
errichtet 1937

: : : : : :   2021 Julia Weber

Christine Lötscher

Laudatio zur Verleihung des Conrad Ferdinand Meyer Preises 2021 an die Autorin Julia Weber

Was sieht man, wenn man die Welt durch die Augen eines Kindes zu begreifen versucht? Lauter kleine Dinge, würde man denken, viel Unsichtbares, für das der Blick funktional eingespurter Erwachsenen längst zu müde geworden ist. Tatsächlich steht Anais, die kindliche Ich-Erzählerin aus Julia Webers Roman ›Immer ist alles schön‹, in der Tradition der staunenden Kinder, die dazu beigetragen haben, die Literatur und damit die Welt immer wieder neu zu sehen und mehr darin zu entdecken als das, was zu einer bestimmten Zeit gerade als sinnvoll und nützlich betrachtet wird. So weisen kindliche Erzählstimmen, hochpolitisch in ihrer vermeintlichen Naivität, auf blinde Flecken hin, die man nur von unten oder von der Seite her entdecken kann. Wenn Kinder in der Literatur erzählen, wenn ihnen eine eigene Stimme gegeben wird, geht es immer um Wahrnehmung – und um Kunst. Die Kinderperspektive, mit der Julia Weber arbeitet, ist deshalb alles andere als naiv. Denn sie erzählt davon, dass Kinder nicht nur regelmässige Mahlzeiten, frische Kleider und jemand brauchen, der das bezahlt, sondern auch Geschichten und Raum für ihre Einbildungskraft. Nur so entwickeln sie ein schöpferisches Verhältnis zu einer Welt, in der sie handeln können.

Es ist aber nicht nur Anais, die erzählt. Auch die Mutter, Maria, kommt zu Wort. So zeigt sich im Setting des Romans die Komplexität, die in der Diskussion über einen kindgerechten Alltag und gute oder schlechte Mütter steckt. Anais und ihr Bruder Bruno leben mit einer Mutter zusammen, die ihre Träume aufgeben musste und ein wenig Freude einzig im Alkohol findet, und manchmal in der Suche nach einer neuen Liebe. Die Kinder leiden, die Mutter auch; und Julia Weber gelingt es, beide Perspektiven gleichermassen erfahrbar zu machen.

Das hat vor allem damit zu tun, dass sich der schöpferische Raum, den Mutter und Kinder teilen, mit einer ungeheuren musikalischen und visionären Kraft öffnet im Roman. Seite für Seite kann man beobachten, wie Anais ihre vibrierende, lebendige Sprache aus dem Material erschafft, das sie vorfindet. Unzusammenhängende Dinge, die sich erzählend verknüpfen lassen, und leere Floskeln, die, wenn man sie lange genug an konkreten Phänomenen reibt, Funken sprühen. Diese Poetik faltet der Roman gleich zu Beginn auf. Er beginnt mit einem Urlaubsversuch, den Maria, Anais und Bruno unternehmen. Auf dem Weg zum Campingplatz unterhalten sich die drei und reden über das Verhältnis von Sprache und Wirklichkeit, von Sprache und Emotionen, von ihren Tentakeln, die Menschen beim Reden miteinander verbinden oder eben nicht:

›Und auf einem Schilfweg entlang gehend, sagt Mutter, dass es schön ist. Ein Blesshuhn schreit, der Wind zieht an den rostigen Schilfköpfen.

Sehr schön, sagt sie.

Fantastisch, sagt sie.

Wunderbar, sagt sie.

Ganz, ganz wunderbar.

Das ist wegen dem nicht absehbaren Bier, sagt Bruno. Verzweiflung, sagt er noch.

Es ist wirklich schön, sage ich, weil der Wind ganz warm die Armhaare aufstellt.

Immer ist alles schön, sagt Bruno, dann zählt er die Schilfstangen mit seinem dicken Buch auf dem Kopf.‹

Anais ist eine Künstlerin. Und Maria wäre es eigentlich auch. Das wird in den Kapiteln deutlich, die aus ihrer Sicht erzählt werden, in denen sie von der Not mit der Liebe und mit ihrer Mutterschaft erzählt. Ihre Floskeln sind eine Schrumpfform ihrer eigenen Kreativität und ein Hilferuf; sie hat keine Ausdrucksform für sich gefunden und kommt mit ihrer Rolle als alleinerziehende Mutter nicht zurecht. Dennoch hat sie ihrer Tochter eine Art Humus aus Sprache mitgegeben, der die beiden stärker verbindet als sie es selbst wissen – und als sie in ihrer Beziehung realisieren können. Während Anais aus leeren Worten Poesie macht, bringt Bruno die kritisch-analytische Perspektive ins Spiel. Für den Roman, und für die zauberhafte Erzählstimme von Anais, braucht es alle drei Stimmen; erst in der Spannung entsteht der Sound.

›Immer ist alles schön‹ lebt davon, dass Anais überall leise zarte Dinge wahrnimmt; wie der Wind ›ganz warm die Armhaare aufstellt‹ und wie sich die Gerüche unterschiedlicher Menschen miteinander verbinden. So setzt sich nach und nach die sinnliche Erkenntnis durch, dass die Welt wirklich schön ist, und dabei auch unendlich grausam. Das Wort ›schön‹ kann zwar Floskel und Teil dieser Grausamkeit sein, kann aber auch echte Berührung bedeuten.

Das Sprachmaterial, mit dem Anais ihre Welt gestaltet, ist nicht nur poetisch. Manche Worte bleiben fremd in ihrem Mund, und gerade diese Entfremdung erinnert die Leserinnen und Leser, dass das alles nicht nur schön ist. ›Maschinen‹ nennt Anais die Erwachsenen zum Beispiel etwas altklug, die zu wissen glauben, was normal ist und die alles bekämpfen, was ihnen transgressiv vorkommt. So redet sie, wenn sie das eigenwillige, schreckliche und kreative Durcheinander verteidigt, in dem sie aufwächst. Wie sehr sie diese Mutter versteht, wieviel Empathie sie aufbringt, wo sie doch einfach nur protestieren könnte, ja müsste, tut einem beim Lesen richtig weh. Nicht, weil die Welt ungerecht ist, das wussten wir schon vor der Lektüre, sondern weil dieses Kind die Erwachsenen mit einer Hingabe studiert, die nur aus der Not geboren sein kann. Und weil Julia Webers Sprache so weit von Kitsch und Sentimentalität entfernt ist, wie es nur irgendwie geht.

Es ist gut, dass es Literaturpreise gibt, die nicht nur brandaktuelle Romane auszeichnen, sondern Autorinnen mit Potential. Damit lenken sie den Blick wieder auf Bücher, die schon ein paar Jahre alt sind. Julia Webers ›Immer ist alles schön‹ ist 2017 erschienen und hat die Temperatur im deutschsprachigen Schweizer Literaturbetrieb seither sanft, aber nachhaltig verändert. Es ist jetzt etwas wärmer hier. Was für diesen Roman gilt, lässt sich auch für die Texte sagen, die Julia Weber im Alltag schreibt, auf ihrer Schreibmaschine in Echtzeit, für den Tagesanzeiger oder für SRF. Ihre Art die Welt zu sehen, mit allem Schönen und Schmerzlichen, das damit verbunden ist, setzt einen Erkenntnisprozess in Gang. Die Kraft der Literatur besteht unter anderem darin, dass sie in Widersprüchen denken kann, ohne sie auflösen zu müssen. Julia Weber schöpft diese Möglichkeiten mit ihrer zugleich tastenden und pointierten Sprache aus und weitet es zu einem Denkraum für Leserinnen und Leser.

Zürich, 4. Februar 2021