Conrad Ferdinand Meyer Stiftung
errichtet 1937

: : : : : :   2022 Louis Delpech

Susanne Kübler

Laudatio zur Verleihung des Conrad Ferdinand Meyer Preises 2022 an den Musikwissenschaftler Louis Delpech

Eine Preisübergabe ist ein Grund zum Feiern – erst recht, wenn der Preis an einen so vielseitig interessierten und gebildeten Musikwissenschaftler wie Louis Delpech geht. Trotzdem möchte ich diese Laudatio nicht mit Pauken und Trompeten beginnen, sondern zunächst einmal von einem Todesfall erzählen.

Am 26. August 1734 starb in Dresden der französische Hofmusiker Jean Prache du Tilloy. Seine Hinterlassenschaft war spärlich: Da waren zwei Anzüge und je zwölf Ober- und Unterhemden, dazu seidene und wollene Strümpfe, zwei Hüte mit Futteral, ein paar Schnupftücher sowie drei alte Celli und zwei Violinen, die beim Verkauf ein paar Taler eintrugen. Ein Degen war schon früher verschenkt worden, ein Konvolut von Noten sowie diverse religiöse Schriften fanden keine Abnehmer, und auch die sechs Pfund modriger ›Paunscher Schnuff-Taback‹ musste man ohne Gewinn entsorgen.

So steht es in einer Aktennotiz des Stadtgerichts Dresden – und so steht es auf Seite 163 der Dissertation, die Louis Delpech 2015 in Poitiers eingereicht und 2020 publiziert hat. ›Ouvertures à la française‹ lautet der Titel, und wer sich für die Musik des Barock interessiert, hat sofort punktierte Rhythmen, ein zweiteiliges Formschema und die Klänge von Lully-Ouvertüren und Bach-Suiten im Kopf.

Beim Untertitel dagegen stutzt man: ›Migrations musicales dans l’espace germanique, 1660–1730‹ – was war da genau?

Da war eben zum Beispiel Jean Prache du Tilloy. Ich bin dem Namen bei Louis Delpech zum ersten Mal begegnet, auch Wikipedia kennt ihn nicht. Er war kein wichtiger Musiker, keiner, der den Lauf der Musikgeschichte verändert oder bleibende Werke geschaffen hat. In Dresden wirkte er als Cellist und Schreiber, als einer von vielen Hofmusikern, die nicht mehr hinterlassen haben als ein paar Kleider, verdorbenen Tabak und zwei, drei Erwähnungen in irgendwelchen Akten.

Louis Delpech hat sich trotzdem für ihn interessiert, und auch für viele weitere, die ebenfalls längst vergessen sind, respektive gar nie wirklich bekannt waren. Das Verzeichnis am Ende der Dissertation ist voller Namen, die man noch nie gehört hat. Klar, die berühmten sind dort auch aufgeführt: Lully und Campra, Bach und Corelli, Scheibe und Quantz. Aber im Fokus stehen für einmal jene, die im Hintergrund wirkten.

So begleitet Delpech französische Musiker auf ihrer Reise an die deutschen Höfe – wer hätte gedacht, dass es so viele waren! Er untersucht, was sie dort gespielt und komponiert haben, rekonstruiert ihre Lebensumstände, ihren praktischen und ästhetischen Einfluss auf das deutsche Musikleben. Und sorgt damit dafür, dass man auch die grossen Themen der damaligen Zeit in einem anderen Licht sieht: Bachs Interesse für die französische Musik etwa, oder den berühmten Streit über die Vorzüge des französischen, italienischen oder gemischten Stils.

Delpech geht also ganz nahe an die Menschen und die Musik heran in dieser Arbeit, die einer von zwei Gründen für seine Auszeichnung durch die Conrad Ferdinand Meyer Stiftung ist. Man entdeckt beim Lesen praktisch auf jeder Seite überraschende, amüsante, kuriose und erhellende Details, Anekdoten, Zusammenhänge – die zudem so formuliert sind, dass das Lesen Spass macht. Dass man dabei auch heutige Migrationsgeschichten mitdenken kann, verleiht dieser Dissertation eine zusätzliche Tiefe.

Es ist ein Zufall, aber dennoch eine hübsche Pointe, dass auch Louis Delpech selbst sozusagen auf der Spur seiner Forschungsobjekte den Weg von Frankreich in deutschsprachige Lande unternommen hat. Er wurde 1985 in Paris geboren, hat schon früh Klavier gespielt, später kamen Orgel und Cembalo dazu. Bei der Wahl des Studienfachs war er erst unschlüssig: Philosophie und Musikwissenschaft waren die Optionen. Der Entscheid fiel zugunsten der Musikwissenschaft, die er in Paris und Yale studiert hat, auch ein Orgelstudium hat er abgeschlossen; aber das Interesse für Philosophie, Literatur und allerlei sonst verschwand keineswegs.

2016 zog er dann nach Deutschland, nicht nach Sachsen und Niedersachsen wie die französischen Musik-Migranten im 17. und frühen 18. Jahrhundert, sondern nach Heidelberg, als Assistent von Inga Mai Groote. Zwei Jahre später wurde Groote nach Zürich berufen, seither wirkt auch Louis Delpech im Musikwissenschaftlichen Institut an der Florhofgasse – erst als Assistent, seit der Habilitation im vergangenen Jahr als Oberassistent.

Seine Habilitationsschrift mit dem Titel ›Ars Memoriae der Moderne: Musik und Gedächtnis um 1900‹ ist neben der Dissertation der zweite Hauptgrund dafür, dass er heute den Conrad Ferdinand Meyer Preis erhält. Auf den ersten Blick ist sie ganz anders ausgerichtet als die Dissertation: Sie führt nicht in den Barock, sondern in die Zeit der vorletzten Jahrhundertwende. Sie ist nicht auf Französisch geschrieben, sondern auf Deutsch. Und sie stellt keine unbekannten Protagonisten ins Zentrum, sondern bedeutende Namen: Wagner und Bruckner, Bergson und Dauriac, Strauss und Debussy, Proust und Thomas Mann.

Der Blick auf die Werke dieser kulturgeschichtlichen Grössen ist allerdings ebenfalls ein ungewöhnlicher. Es geht um das Thema Erinnerung, auf ganz unterschiedlichen Ebenen und breitem philosophischen Fundament. Delpech zeichnet die damaligen Debatten über das Hörgedächtnis nach und beschreibt, wie Clara Schumann als überheblich kritisiert wurde, weil sie auswendig spielte. Er analysiert am Beispiel von Wagners Leitmotiven und Bruckners Umgang mit der Sonatenhauptsatzform, wie musikalische Strukturen Erinnerungen schaffen und damit überhaupt erst als Strukturen erkennbar werden.

Und schliesslich untersucht er den Stellenwert von musikalischen Erinnerungen in der ›Recherche du temps perdu‹ von Proust und im ›Zauberberg‹ und im ›Doktor Faustus‹ von Thomas Mann. Auch wenn dies alles ganz andere Geschichten sind als jene, die in der Dissertation erzählt werden: Dass Louis Delpech lieber nachdenkt als nachplappert, lieber tiefer bohrt als laut verkündet – das wird auch hier klar.

Wer will, kann übrigens auch in dieser Habilitationsschrift autobiografische Bezüge finden: Schliesslich ist Delpech genau wie einst Richard Wagner und Thomas Mann von anderswo nach Zürich gekommen. Vielleicht wird er bleiben wie Mann, wahrscheinlicher ist, dass er irgendwann weiterzieht wie Wagner. So oder so: Dass ihn dieser Preis der Conrad Ferdinand Meyer Stiftung dazu ermutigt, ein weiteres Buchprojekt anzupacken – das möchte man hoffen.

Zürich, 2. Februar 2022