Conrad Ferdinand Meyer Stiftung
errichtet 1937

: : : : : :   2022 Ivna Žic

Felix Münger

Laudatio zur Verleihung des Conrad-Ferdinand-Meyer Preises 2022 an die Autorin Ivna Žic

Conrad Ferdinand Meyer, der Namensgeber des ehrwürdigen Preises, der in diesem Jahr an Ivna Žic für ihren Roman ›Die Nachkommende‹ vergeben wird, hat in seinen Novellen, Romanen und in seiner Lyrik nie vorgegeben, dass ein definitives Ankommen oder Vollendet-Sein möglich sei. Das zeigt er wunderbar in seinem grossen Gedicht ›Der römische Brunnen‹, das Meyer mehrfach überarbeitete:

›Aufsteigt der Strahl und fallend giesst
Er voll der Marmorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfliesst
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.‹

In poetisch vollkommener Weise schildert Meyer in dieser siebten Version des Gedichts von 1882 in nur wenigen Verszeilen einen Brunnen in einem Park in Rom und entwirft damit gleichsam ein universell gültiges Bild des Mensch-Seins an sich – des Unterworfen-Bleibens unter den ewigen Wandel allen Lebens. Dabei greift der voranstrebende sprachliche Rhythmus das dargestellte Bild auf, giesst es in ein sprachliches Ganzes und erweckt dadurch – als Kontrast zum gezeigten Fliessenden – beim Lesenden trotzdem das Gefühl des Halts und der Geborgenheit.

Was sich an diesem Gedicht beispielhaft für Conrad Ferdinand Meyers poetische Meisterschaft erkennen lässt – etwa das Fliessende und dennoch in sich Ruhende, das Suchende und Erkundende, ohne dass es ein Ankommen gibt, jenes geradezu magische Miteinander von Inhalt und Sprache – das alles findet sich – wenn auch unter anderen Vorzeichen – zu einem guten Teil auch im Roman ›Die Nachkommende‹ von Ivna Žic.

Die kroatisch-schweizerische Autorin ist 1986 in Zagreb geboren, wuchs in Zürich auf, lebt heute abwechselnd in Zürich und Wien und arbeitet als freie Autorin, Dozentin und Theaterregisseurin an verschiedenen Theaterhäusern. ›Die Nachkommende‹ ist Ivna Žics erster Roman. Sie hat mit ihrem Romandebüt, das 2019 auch für den ›Schweizer Buchpreis‹ nominiert wurde, die literarische Welt förmlich elektrisiert. Mit diesem Werk hat sich eine neue literarische Stimme zu Wort gemeldet, mit der auch künftig zu rechnen sein wird.

Die Handlung des Romans entspringt – wie Conrad Ferdinand Meyers Beobachtung eines Brunnens – einer an sich wenig spektakulären Alltagserfahrung: Die Ich-Erzählerin, eine junge Frau, fährt im Nachtzug von Paris nach Zagreb. Es ist Hochsommer. Die Luft im Abteil ist stickig. Die mitreisende unbekannte Nachbarin schnarcht. Man schwitzt. Mückenstiche. Schlaflosigkeit.

Die Gedanken der Erzählerin schweifen zum einiges älteren Liebhaber, den sie verlassen wollte, der sie jedoch nicht loslässt. Den sie noch immer liebt. Doch es ist eine Liebe ohne Zukunft. Er ist verheiratet. Die Erinnerungen gelangen zu den Anfängen, zu den aufkeimenden Gefühlen, als die beiden voneinander berührt waren, lange ohne sich wirklich zu berühren. Aber auch zur Demütigung, dass es stets er, der Mann, war, der den Zeitpunkt des Zusammen-Sein bestimmte. Dieses war nur dann möglich, wenn es in die komplizierte Lebensgestaltung des in ein bestehendes Familienleben eingespannten Ehemanns passte. Feine Verletzungen wie diese sind es, welche die Erzählerin während der Zugfahrt heimsuchen. Und die sie ins Sinnieren bringen, während draussen vor dem Fenster wechselnde Landschaften vorüberbrausen.

Zu den Bildern einer unmöglichen Liebe gesellen sich andere Erinnerungen. Etwa an die eigene Kindheit, an eine Biografie, in der die Autorin zumindest andeutungsweise auch Autobiographisches durchscheinen lässt. Die Erzählerin stammt ursprünglich aus einem Plattenbauviertel in Zagreb. In den Jahren vor dem Ausbruch der Jugoslawienkriege wanderte die Familie nach Zürich aus, per Flugzeug – ›wohl gepackt, wohl vorbereitet, wohl organisiert, es warteten Wohnung, Arbeit und ein Kindergartenplatz‹. Da wuchs das Kind aus Südosteuropa nun auf, inmitten anderer Kinder, von ›Nadines und Stefanies und Chrigis und Sämis‹ und bekam einen ›Sprachspagat‹ auferlegt zwischen der kroatischen Muttersprache, dem Hochdeutsch und dem Zürcher Dialekt. Sommer für Sommer kehrte die Erzählerin auf eine kroatische Insel zurück, wo sie ihre in der Heimat verbliebene Familie traf. Und ihre alten Freundinnen, die sie, die als Seconda in der Schweiz ein zunehmend anderes Leben führte, oft nicht mehr verstanden. Man fragt sich bei der Lektüre irgendwann: Was eigentlich ist Heimat? Vermutlich kein fester Ort, eher wohl ein Seelenzustand, in dem ganz unterschiedliche biografische Prägungen Platz finden. Aber auch dieser Zustand ist kein beständiger, wohl vergleichbar mit einer unstillbaren und immer wieder aufflammenden Sehnsucht.

Zu dem fliessenden Nebeneinander unterschiedlicher Lebensphasen, das den Roman charakterisiert, passt der häufige Wechsel der Schauplätze. Einmal spielt die Handlung in engem, ja beklemmendem familiärem Raum. Ein anderes Mal finden wir uns an den Gestaden des Zürichsees. Dann wechselt die Szenerie in die Stadt. Wiederholt etwa auf den Ban-Jelačić-Platz, den zentralen Ort der kroatischen Hauptstadt Zagreb mit seinem imposanten Reiterstandbild. Dieses steigt in der Fantasie der Erzählerin gelegentlich auch vom Sockel und begleitet sie bei ihren Streifzügen durch die engen Gassen der Innenstadt.

In der reichen Erinnerungswelt der Protagonistin nehmen zudem die Geschichten der Ahnen einen wichtigen Platz ein. Da ist zum Beispiel eine Grossmutter in Kroatien, die mittlerweile so schwer geworden ist, dass sie es nicht mehr an den Strand schafft. Sie muss ihre Beine in einem grossen Bottich mit Meerwasser kühlen. Was ist mit diesem Leben geschehen? Oder dann gibt es einen Grossvater, der als Kroate nach dem Zweiten Weltkrieg die lebensgefährliche Erfahrung machte, als Nazi-Kollaborateur verdächtigt zu werden. Im Unterschied zu anderen hatte er Glück und kam unbehelligt davon. Der Grossvater wurde Kunstmaler, vernichtete aber später fast alle seine Gemälde. Warum eigentlich? Die Antwort bleibt offen. Nur ganz wenige der Bilder überlebten den Zerstörungsakt. Darunter ein Portrait mit dem Titel ›Die Frau in Türkis‹. Das Bildnis einer Unbekannten. Es löste bei der Ehefrau des Malers, der Grossmutter der Erzählerin, schwere Anfälle von Eifersucht aus. War die auf Leinwand Gebannte am Ende die grosse Liebe des Ehemanns? Vielleicht.

Zu all dem Ungeklärten und zu allen Ambiguitäten dieser Geschichte passt die Konstruktion des Romans. Die Erzählung gleicht – in Anlehnung zur langen Reise mit der Eisenbahn – einem langen Gedankenstrom, in dem Ungleichzeitiges und Gleichzeitiges spielerisch miteinander verwoben sind. Es gibt keine Chronologie, kein klares Vorher und Nachher. Die einzelnen Erinnerungen und die Persönlichkeitsschichten überlagern sich, ergänzen sich bisweilen, bleiben manchmal aber auch in ihrer Unvereinbarkeit unversöhnlich nebeneinander bestehen. Nie erliegt die Autorin der Versuchung, aus dem bruchstückhaften Vergangenen in der Rückschau ein vermeintlich schlüssiges Ganzes zu zimmern. Vielmehr lässt der Roman Leerstellen stehen. Unsagbares darf unsagbar bleiben, diesem – wie es im Roman heisst – ›Stolpern von Wort zu Wort‹ wird sein Daseinsrecht belassen. Und dies alles schildert Ivna Žic in einer faszinierend zurückhaltenden Sprache, die durch ihren voranschreitenden Sound betört und gelegentlich auch virtuos kroatische Einsprengsel ins Deutsche einflicht. Eine Sprache, die sich behutsam in diese vielschichtige Biografie vortastet und sie erkundet. Und die sich am eigenen Klang zu erfreuen scheint. Dabei erzeugt die Autorin eine Poesie, deren Sog wir uns kaum entziehen können.

Es ist eben diese sprachliche Kunst, die dem Geschilderten zu jenem Halt verhilft, der den Roman zu weit mehr macht als zu einer Selbstbefragung der Autorin – nämlich zu einer universell gültigen Suche nach Wurzeln, Prägungen, Verletzungen, Aufbrüchen und Hoffnungen. Und damit liefert er auch Antworten zu Grundfragen der menschlichen Existenz. ›Die Nachkommende‹ ist in Entstehung, Inhalt und Form selbstredend etwas völlig anderes als Conrad Ferdinand Meyers Brunnengedicht. Dennoch ist der Roman in seiner Poesie in gewisser Weise mit diesem verwandt: Auch Ivna Žic’ Suche nach Erinnerungen und Heimat ›strömt und ruht‹ zugleich – so wie das nie innehaltende Wasser des römischen Brunnens.

Zürich, 2. Februar 2022